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Biwak Skitour St. Antönien
"Ein Loch „budeln“ und sich darin verkriechen"; uff, tönt nach harter Angelegenheit und etwas sonderbar!
Doch keine Angst, es war ganz anders als gedacht und trotzdem eine Art Grenzerfahrung am eigenen Leib. Eigentlich ging's in diesem Jahr - im Gegensatz zum ersten Versuch vor einem Jahr - fast "locker vom Hocker" und im Nuh waren wir beim Partnunsee. Fragend schauten wir uns - Christoph und ich - an, ob wirklich genügend Schnee rund um den See liegt. Ein Plan B war zwar im Hinterkopf vorhanden, aber dort hätten wir vermutlich in der Hundehütte liegen müssen; alles und alle waren in diesem Wochenende draussen auf den Brettern und halb Zürich im Prättigau.

So blieben wir gleich beim Plan A und packten voller Tatendrang unsere Schaufeln unterhalb eines Boulderblocks aus. Die ersten Startschwierigkeiten in der Schaufel- und Grabtechnik waren bald überwunden; profihaft bohrten wir unsere Schneekaverne in die weisse Masse. Häuser sind normalerweise schnell gebaut, eine Schneevilla aber braucht etwas mehr Zeit und andere Nebenbeschäftigungen blieben leider auf der Strecke. Für einen Boulder am "Hausfelsen" fehlte uns plötzlich die nötige Kraft in den eiskalten Fingerspitzen, oder für einen kurzen Pulverschuss an den Westhängen der Schijenfluh das nötige Tageslicht.

So beschäftigten wir uns mit dem restlichen und nötigen Ausbauarbeiten unserer Luxusbehausung, die schlussendlich eine wahre Alternative zur Hundehütte beim Alpenrösli war.
Der Kocher ratterte laut vor sich hin, als würde in den nächsten Minuten gleich irgendein russischer Grossraumhelikopter neben uns zu Boden krachen. Dafür gab's bald einmal Wasser und ein volles Menü aus dem gleichen Topf.
Selbst Kaffee und Kuchen fehlten in der Menüplanung nicht und hätten die abendliche Stimmung etwas aufheizen sollen; ja, sollen! Bald wurde es in der "Schneestube" kalt, die Kälte kroch langsam durch die Extremitäten in den Körper und selbst mein Fettpölsterchen um meine verehrte Sitzfläche konnte nicht mehr genügend isolieren.
Die Zähne waren schnell geputzt und alles Weitere liessen wir gleich grosszügig aus. Das Zubettgehen war dann mehr Akrobatik als ein einfaches Hinlegen und "ja nicht zu viel bewegen" war für diese Nacht angesagt.

Eigentlich wäre so ein Schneeloch mit einem warmen Schlafsack eine gemütliche Angelegenheit, aber gewisse Dinge werden plötzlich kompliziert und ein kurzes Verlassen der warmen Schlummertüte verschiebt man lieber auf später, was wiederum den Schlaf rauben kann.
Und dann morgens - ja nicht aufsitzen; die Schneedusche wäre garantiert! Rein in die frischen Kleider und noch kälteren Skischuhe und schon ratterte erneut unser „Helikopter“ laut vor sich hin. Der sonst verpönte Schnellkaffee genoss plötzlich grosse Beliebtheit und wir konnten davon nicht genug bekommen; der Geist kehrte langsam zurück in unsere kühlen Körper.

Von der Wettersituation, Christoph war noch nie auf der Sulzfluh, wurde kurzerhand das Tourenziel auf diesen markanten Gipfel verschoben. Die Hoffnung war gross, dass wir nach dem sonnigen Samstag an den vielen nördlich ausgerichteten Hängen doch noch ein paar Pulverflecken finden würden.
Zügig ging's bald einmal los und schon in der ersten Ansteigungen kehrte endlich die normale Körpertemperatur zurück. Zuerst legten wir noch unsere eigene Spur in den Bruchharsch und; "oh je, das kann ja noch lustig werden!" Dafür ermöglichte uns die "Autobahn" ein lockerer Aufstieg durchs Gemschtobel hinauf zur Sulzfluh.
Trotz der vielen Leute auf und um den Gipfel war die Stimmung sehr locker. Die vielen Dialekte aus der näheren und ferneren Region machte auch gleich die Lage der Sulzfluh klar. Wir waren alle happy, dass wir hier oben sein konnten und uns gegenseitig beglückwünschen konnten.

Was wir schon beim Aufstieg erahnten, schlug bei der Abfahrt voll zu; Wind- und Bruchharsch, harte und tragende Schneeschichten, die ohne jegliche Ankündigung in Bruchharsch übergingen, oder hart gefrorene Karrspuren. Bis auf wenige sonnengeschützte Schneefelder war die Abfahrt alles andere als ein Vergnügen und manchmal nützte nicht einmal der tiefe Griff in die Zauberkiste vor dem drohenden Sturz. Selbst die Rinne unterhalb des Gemschtobel, die eigentlich ideal von der Sonne abgewendet wäre, verlangte viel Gleichgewichtssinn und die Waschküchensicht machte aus dem erhofften Vergnügen harte Arbeit.

Wir waren froh, zurück beim Biwakplatz zu sein und unser Wunsch, möglichst schnell zum Alpenrösli zu kommen, wurde durch ein körperliches Bedürfnis stark beeinflusst; abends und morgens früh war's dafür einfach zu kalt.
Zackig ging's weiter St. Antönien und dem Tal entgegen. Die Sonne lachte plötzlich ganz verschmitzt hinter den Wolken hervor und zeigte, wie's hätte sein können. Rush-hour-mässig liess sich halb Zürich und zwei Angensteiner hinunter ins Prättigau karren. So nahm unser Schneeloch-Abenteuer sein Ende: "....hinter dem Mond links!"

Schade, dass du nicht dabei sein konntest!

Tom